Autor: Timo Küntzle

Unser Roggen kaputt – Baby, I love Überschüsse!

Regional ist in. Aber Essen gibt es entweder zu viel oder zu wenig – je nach Wetter. Der Traum von der Selbstversorgung ist nicht zu Ende gedacht.

Am Dienstag lief der Mähdrescher bei uns nur eine Stunde lang. Dann hat es wieder zu regnen begonnen. Stroh und Körner unseres Weizens wurden erneut nass, sodass sie die Erntemaschine verstopfen würde. Außerdem ist Getreide mit mehr als 15 Prozent Wassergehalt nicht mehr lagerfähig und müsste unter hohem Energieaufwand getrocknet werden. Trotzdem ist das noch das geringste Problem, denn aus unserem Weizen wird ohnehin kein Brot mehr werden. Aus unserem Roggen auch nicht.

Was ist passiert? Unser Landhändler hat nach dem Regen der vergangenen Woche fast nur noch Ware bekommen, die (wegen zu niedriger Fallzahlen) nicht mehr zum Backen taugt. Der Teig würde im Ofen nicht recht aufgehen oder gar flach wie eine Flunder bleiben. Grund dafür sind physiologische Prozesse in den Körnern: die waren nämlich schon vor dem Regen reif; die Feuchtigkeit hat sie dann „glauben“ lassen, sie lägen bereits als neue Aussaat im Boden und könnten auskeimen. Deshalb beginnen Enzyme die im Samenkorn eingelagerte Stärke abzubauen um damit den bereits wachsenden Keimling zu ernähren. Das Getreide „wächst aus“. Die Natur hat ja nicht eingeplant, Mehl zum Backen zur Verfügung zu stellen. Auf den Fotos sind die Keimwurzel und der grüne Trieb deutlich zu erkennen!

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Auswuchsschaden

links: Brot aus ausgewachsenem Roggen; rechts: normales Roggenbrot (Foto: Heinz Terholsen)

In ganz Deutschland stehen die Mähdrescher in diesen Tagen immer wieder still. Jeder Regenschauer führt unweigerlich zu Ernteunterbrechungen. Der Präsident des Deutschen Bauernverbandes befürchtet heute im ZDF-Morgenmagazin finanzielle Schäden von bis zu einer Milliarde Euro. In Österreich scheint es heuer dagegen eher die Frühjahrs-Trockenheit zu sein, die die Erträge unter die Norm sinken lässt.

Ein weiteres Problem sind Schimmelpilze, die sich in der aktuellen Schwüle pudelwohl fühlen und die noch am Feld stehenden Ähren befallen; die Qualität des reifen Getreides sinkt mit jedem Tag, an dem die Mähdrescher zum Stillstand verdammt sind. (Schimmelpilzgifte sind für die menschliche Gesundheit übrigens weitaus gefährlicher, als Spuren von Pflanzenschutzmitteln!)

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Ernte 2017: Wolken sorgen für Kopfzerbrechen (Foto: tik)

Zu früheren Zeiten hätten die Menschen in so einem Fall einfach Brot von mieser (Back-) Qualität gegessen. Heute wird das ausgewachsene Getreide stattdessen an das liebe Vieh verfüttert und so doch noch sinnvoll verwertet. Schlecht aufgegangene Brötchen muss aber nur deshalb niemand essen, weil es auf dem Markt trotz Ernteausfällen meist genügend Getreide von ausgezeichneter Qualität gibt. Baden-Württembergs Bäcker sind ja nicht auf Gedeih und Verderb auf Getreide aus Baden-Württemberg angewiesen. Wenn die regionale Ernte zu gering ausfällt, dann kommt es eben aus Hessen, Bayern, Frankreich oder Kanada. Jemand müsste schon übersinnliche Fähigkeiten haben, um die Unterschiede im Brot zu schmecken.

Denkt man die Sache weiter, dann zerplatzt der Traum von der regionalen Selbstversorgung wie eine Seifenblase. Wollte man diesen konsequent verwirklichen, ohne ständig Überschüsse zu produzieren, dann würde das ja folgendes bedeuten:

Die Bauern einer Region müssten in jedem Jahr exakt so viel Getreide, Obst, Gemüse usw. produzieren, wie die Menschen in dieser Region in einem Jahr verbrauchen. Das funktioniert aber nicht, weil Erntemengen extremen Schwankungen unterliegen und kaum planbar sind. Mal gibt es gute Ernten, mal schlechte. Manchmal auch gar keine. Und vieles, was wie wie selbstverständlich auf unseren Tellern liegt, wächst nur in bestimmten Regionen richtig gut.

Natürlich lassen sich Nahrungsmittel auch lagern, um Ausfälle zu puffern. Aber eben nur begrenzt und mit Kosten und Auswirkungen auf die Marktpreise verbunden. Was sollen die Bauern auf einem abgeschotteten, regionalen Markt noch verkaufen, wenn drei Jahresernten im Lager liegen? Wie hoch würden umgekehrt die Preise nach einer Missernte steigen?

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Kaum Äpfel an unserem Apfelbaum (Foto: tik)

Vor unserem Fenster steht ein Apfelbaum. Gewöhnlich hängt dieser im Sommer brechend voll mit heranreifenden Äpfeln, die mein Vater und meine Oma im Herbst zusammenlesen und zum Apfelsaft-Produzenten bringen. Dieses Jahr habe ich bislang gerade mal eine Handvoll dahinschrumpelnde Äpfel auf dem Baum entdeckt. Der April-Frost hat fast alle Blüten gekillt. Nicht weiter tragisch für uns; Apfelsaft werden wir auch weiterhin genug zu trinken bekommen. Was aber wenn die Äpfel fest in unsere Versorgungsstrategie eingeplant gewesen wären? Die familiäre Selbstversorgung würde am Schicksal dieses einen Baumes hängen. Auch die regionale Selbstversorgung der Steiermark oder Baden-Württembergs wären heuer grandios gescheitert, wenn die Bauern gerade so viel anbauen würden, wie gebraucht wird.

In der Geschichte der Menschheit hatte fast jede regionale Wetterkapriole Mangelernährung, Hunger oder Tod zur Folge. In den jeweiligen Nachbarregionen gab es selten genügend Überschüsse, um auszuhelfen. Und selbt wenn: ohne Eisenbahn wäre es schwierig gewesen, große Mengen von A nach B zu schaffen. Vorhandenes Getreide war dann so teuer, dass es sich die Armen nicht leisten konnten. Und früher waren die allermeisten arm! Zeiten, wie das „Jahr ohne Sommer“ 1816, die das Leben von Millionen Menschen erbärmlich werden ließen oder beendeten, sind heute aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden. Zum Glück! Es ist das Verdienst der modernen, Überschüsse produzierenden Landwirtschaft, sowie dem weltweiten Handel mit ihren Erzeugnissen. Je größer das potentielle Einzugsgebiet von Nahrungsmitteln ist, desto unwahrscheinlicher sind spürbare Engpässe; weil sich der Mangel in der einen Region mit dem Überschuss der anderen Region ausgleichen lässt. Nur deswegen ist die Versorgung mit Kalorien, Vitaminen und Nahrungsmitteln hierzulande, ebenso wie in vielen anderen Ländern der Erde so sicher, gesund und preisgünstig wie nie zuvor.

Das heißt natürlich nicht, dass man am System nicht Vieles kritisieren kann. Lebensmittelverschwendung, übermäßiger Fleischkonsum oder die Handelsbeziehungen zu den Ländern Afrikas sind hier nur drei Stichworte, die viele weitere Gedanken und Diskussionen wert sind. Auch spricht nichts gegen die Stärkung regionaler Wirtschaftskreisläufe. Schließlich sparen kurze Wege Energie und bewahren die Frische. Schlussendlich helfen sie auch, die Verbindung der Verbraucher zu „ihren“ Landwirtinnen und Landwirten zu stärken. Auch die Solidarische Landwirtschaft oder das Urban Farming können einen wertvollen Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit leisten.

Im Hinterkopf sollten wir aber stets behalten: Frost, Trockenheit, Überschwemmungen, Hagel, Vulkane, Pilz- und Viruskrankheiten, Läuse und Mäuse stehen allzeit bereit, um uns die Grenzen der regionalen Selbstversorgung aufzuzeigen.

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Sobald es wieder trocken ist, muss jede Stunde genutzt werden, auch nachts und sonntags (Foto: tik)

Links:

Fallzahl (Wikipedia)

Auswuchs (Wikipedia)

Ernteausfälle in Deutschland (agrarheute)

Frostschäden in Baden-Württemberg (SWR)

Frostschäden in der Steiermark (ORF)

Das „Jahr ohne Sommer“ (Wikipedia)

Ernteprognose für Österreich (AMA)

Gefahr durch Schimmelpilzgifte (Die Presse)

Interview mit dem Präsidenten des BfR (Nordwest-Zeitung)

BOKU-Forschungsprojekt gegen Lebensmittelverschwendung (Die Presse)

Entwicklung des weltweiten Hungerproblems (Our World in Data)

Selbstversorgung mit Getreide in Deutschland

Versorgungsbilanzen in Österreich

Solidarische Landwirtschaft (Wikipedia)

Urban Farming (Wikipedia)

Pimp your Boden – Wir säen Zwischenfrucht

Pflanzen anbauen, die nie eine Ernte liefern und nur wachsen um zu sterben? Diese „Bio-Methode“ ist auch in der konventionellen Landwirtschaft verbreitet.

Rotierende Stahlzinken bohren sich wenige Zentimeter tief in unser frisch abgeerntetes Roggenfeld. Erde und Stroh fliegen durch die Luft, als ob fortlaufende Mini-Explosionen die bisherige Ordnung im Untergrund ins Wanken brächten. Kaum ist Ruhe eingekehrt folgt eine Eisenwalze, die den Boden rückverfestigt. Jetzt legen die Säschaare Körner in den Boden; nur zwei, drei Zentimeter tief. Ein Gummirad drückt die Saat zuletzt noch etwas an, während sich der Traktor mit rund neun Kilometer pro Stunde über unser Feld schiebt.

Die Samen schmiegen sich jetzt fest genug an kleinste Bodenteilchen, um ihnen Zugang zum gespeicherten Wasser zu verschaffen. Zugleich ist die Erde locker genug, damit sich die kleinen Würzelchen des in den nächsten Tagen keimenden Korns leicht ausbreiten können. Schon bald wird ein grüner Teppich über das Feld wuchern, der eine Weile später, im Herbst, zu blühen beginnen wird.

Jetzt, Mitte Juli, sind wir eigentlich mit der Getreideernte beschäftigt. Aber in den Druschpausen säen wir verschiedne Zwischenfrucht-Mischungen; unter anderem eine mit dem Namen „Terra Life – Mais Pro TR Greening“. Darin finden sich etwa Samen von Sonnenblumen, Felderbsen, Öllein, einer Hirseart, Perserklee, Schwedenklee und schließlich der, auch Bienenweide genannten,  Phacelia (Sorte „Beehappy“).

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Inhalt „Beehappy“ – Saatgutsack mit Etikett der Anerkennungsstelle NRW; hier eine andere Mischung (Foto: tik)

Nur wenige Tage zuvor stand auf den Feldern noch Roggen. Auf einigen davon sieht unsere Fruchtfolgeplanung für die Saison 2018 den Anbau von Mais vor. Den können wir aber nicht vor Mitte April säen; über Winter würden die Maispflanzen nämlich abfrieren. Das heißt also: unser Feld würde von der Ernte der einen Kultur (Roggen) bis zur Saat der nächsten Kultur (Mais) ganze acht Monate lang ungenutzt und vor allem unbedeckt herumliegen. Dazwischen eine Zwischenfrucht anzubauen, macht aus mehreren Gründen Sinn.

Nährstoff-Speicherung: Die Pflanzen nehmen im Boden vorhandene Nährstoffe auf und speichern sie in organischer Form. Nachdem sie über Winter abgefroren sein werden, lösen Bakterien die Nährstoffe während der Verrottung wieder aus den Pflanzen heraus, sodass sie in der nächsten Saison dem Mais zur Verfügung stehen. Als einer der wichtigsten Nährsalze ist das Nitrat zu nennen, eine wasserlösliche Form des Stickstoffs.

Weniger Erosion: Schon während des Wachstums, aber auch später beim Verrotten, bedecken Sonnenblumen, Lein und Co den Boden. Sie erschweren damit Regen und Wind, feinste Erdteilchen wegzuspülen oder fortzublasen.

Bodenlockerung: Auch unter der Oberfläche spielt sich einiges ab. Die Wurzeln einiger Zwischenfrüchte brechen verdichtete Bodenschichten wirkungsvoller auf, als jede Maschine.

Förderung des Bodenlebens: Die Verrottung wird ausschließlich von lebenden Organismen erledigt. Der Boden besteht aus einem ganzen Kosmos aus unzähligen Kleinlebewesen wie dem Regenwurm, aus Pilzen, Bakterien, usw. Die meisten davon tun nichts lieber, als an unseren Zwischenfrüchten herumzuknabbern.

Nahrung für Insekten: Da wir die Zwischenfrüchte gleich jetzt nach der Ernte im Juli säen, haben sie genug Zeit zu wachsen und noch im Herbst zur Blüte zu kommen. Von ihrem Blütennektar ernähren sich Bienen, Hummeln, Schwebfliegen und viele andere Insekten.

Freude für Spaziergänger: Im Spätsommer oder an einem Goldenen Oktobertag an einem prächtig blühenden Feld mit Zwischenfrüchten vorbeizuwandern, ist eine wahre Freude. Also zumindest für mich.

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Gelbe Sonnenblumen und violette Phacelia – Zwischenfrucht-Mischung in der Blüte (Foto: Deutsche Saatveredelung AG)

Der Anbau von Zwischenfrüchten wird von der europäischen Agrarpolitik im Rahmen des so genannten Greening gefördert. Er ist auch ein Bestandteil von Agrarumweltprogrammen wie FAKT (Baden-Württemberg) oder ÖPUL (Österreich). In unserem Betrieb sind Zwischenfrüchte seit Jahrzehnten Usus. Während unsere Wahl früher vor allem auf den gelb blühenden Senf fiel, versuchen wir inzwischen mit speziellen Saatgut-Mischungen den oben genannten Zielen noch näher zu kommen.

Übrigens: wenn es dauerhaft milde Temperaturen geben sollte, dann könnte es passieren, dass die eigentlich frostempfindlichen Pflanzen über Winter doch nicht absterben. Wir könnten den Acker dann im Frühling unter hohem Energieaufwand pflügen, also 20 bis 30 Zentimeter tief umgraben. Das würde den gesamten Pflanzenbestand vernichten und Platz für den Mais schaffen. Allerdings würden wir damit nicht nur zwischen 20 und 30 Liter Diesel pro Hektar verbrauchen, auch die mit Hilfe der Zwischenfrüchte mühsam aufgebaute Bodenstruktur wäre wieder zunichte gemacht; Pflanzenreste würden von der Bodenoberfläche verschwinden und damit ihre erosionsmindernde Wirkung einbüßen; die Regenwurmpopulation und andere Organismen großen Schaden nehmen.

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Eines unserer Felder mit abfrierender Zwischenfrucht im Dezember 2015 (Foto: tik)

Deshalb spritzen wir in solchen Fällen die Pflanzen mit dem viel diskutierten Herbizid-Wirkstoff Glyphosat, warten ein paar Tage, und lockern die Erde anschließend ganz flach, 5 bis 10 Zentimeter tief, mit einem Grubber oder einer Scheibenegge. Das schont den Boden und seine Bewohner und verbraucht dabei weniger als fünf Liter Diesel pro Hektar (Vergleich Pflügen/Spritzen – Nachfolgearbeiten können bei beiden Varianten anfallen). Aber vor allem: unsere gerade gesäten Zwischenfrüchte entfalten ihre Wirkung dann weit bis ins nächste Jahr hinein.

Links:

Werbevideo für Zwischenfrucht-Mischungen
Greening und andere Bestimmungen der europäischen Agrarpolitik
FAKT – Das Agrarumweltprogramm für Baden-Württemberg
ÖPUL – Das Agrarumweltprogramm für Österreich
Online-Formular zur Berrechnung des Dieselbedarfs untersch. Arbeiten (KTBL)
Kommentar zu Glyphosat (Ludger Weß)
Die böse Chemie (Florian Aigner)
Pro und Kontra der pfluglosen Bodenbearbeitung

Das Prinzip Landwirtschaft – oder: „Liebling, ich habe die Artenvielfalt geschrumpft!“

Urban Gardener, Kleingärtner und Großbauern haben etwas gemeinsam: sie fördern die Pflanzen ihrer Wahl und bekämpfen den Rest.

Gerade habe ich die Artenvielfalt massiv eingeschränkt. Ganz ohne Chemie; nicht mal ein Werkzeug habe ich benutzt. Aber der Reihe nach. Vor dem Wohnhaus auf unserem Hof gibt es ein Pflanzbeet. Das habe ich vergangen Herbst mit dem Spaten umgegraben, um auf den rund drei Quadratmetern Waldsteinien zu pflanzen. Das sind bodendeckende Stauden, die gut im Schatten gedeihen und im Frühling gelbe Blüten bilden. Sie sind hübsch anzuschauen und unterdrücken zusätzlich das Unkraut, indem sie teppichartig die gesamte Fläche bedecken. Soweit die Theorie.

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Setzen der Waldsteinien Anfang September 2016 (Foto: Diana Küntzle)

In der Praxis dauert es eine ganze Weile, bis sich die kleinen Pflänzchen aus der lokalen Baumschule durchgesetzt haben. Um schneller zum gewünschten Ergebnis zu kommen, hätte ich mehr Geld ausgeben und doppelt so viele Pflanzen setzen können. Oder drei Mal so viele. So aber sind auf den freien Flächen zwischen den Waldsteinien erst einmal Wildgräser und -kräuter gekeimt und haben den Waldsteinien ordentlich Druck gemacht, sie schlussendlich im Wachstum überholt.

Schon im Mai habe ich einmal allen Wildwuchs – so gut es eben ging – per Hand beseitigt. Als ich jetzt erneut aus Wien zurückgekommen bin, war von den Waldsteinien schon wieder fast nichts zu sehen; sie waren mit Unkraut überwuchert. Also habe ich wieder meine Hände genommen und alles ausgerissen, was nicht Waldsteinie hieß. Rund eineinhalb Stunden hat es gedauert.

Hin und wieder mag ich Unkrautjäten übrigens: man hat dabei ein klar definiertes Ziel vor Augen, kann ohne geistige Anstrengung vor sich hin wurschteln und hat dabei ständig den frischen Duft von Kräutern und Erde in der Nase. Es täglich acht Stunden lang zu tun, wäre nicht mehr so witzig.

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Pflanzbeet nach dem zweiten Unkrautauflauf im Juli 2017 (Foto: tik)

Was ich mit dem Unkrautjäten eigentlich erreicht habe, ist die massive Einschränkung der Artenvielfalt in meinem Beet. Geschätzte 10 oder 20 verschiedene Wildpflanzenarten habe ich ausgerissen, um einer einzigen Kulturpflanze Licht, Luft und den Zugang zu den Nährstoffen des Bodens zu verschaffen. Warum erzähle ich das alles? Weil diese drei Quadratmeter exemplarisch für jedes Stückchen Erde stehen, auf dem irgendwo in der Welt Landwirtschaft oder Gartenbau betrieben wird.

 

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Die Einschränkung der Artenvielfalt ist das Ur-Prinzip der Landwirtschaft. Ohne sie gäbe es in Mitteleuropa nahezu ausschließlich Laubmischwälder. Darin könnten nur so viele Menschen überleben, wie durch natürlich vorkommende Beeren, Wurzeln, Wildschweine, usw. satt würden. Landwirtschaft bedeutet: die Be-wirtschaftung des Landes. Will heißen: der Mensch versucht zu steuern, was wachsen soll – nicht die Natur. Darin unterscheiden sich großstädtische Dachterrassengärtner nicht von Bio-Bauern und Bio-Bauern nicht von konventionell wirtschaftenden Landwirten. Der Unterschied liegt in der Wahl der Mittel und deren Effizienz.

Diese sehr grundlegende Überlegung sollte uns stets bewusst sein, wenn wir über die Frage reden, wie sich Landwirtschaft auf die Artenvielfalt (Biodiversität) auswirkt. Ganz unabhängig von der Tatsache, dass es viele unterschiedliche Formen und Ausprägungen von Landwirtschaft mit unterschiedlichen Konsequenzen gibt. Im Allgemeinen ist die Artenvielfalt auf biologisch bewirtschafteten Flächen höher als auf konventionell bewirtschafteten. Andererseits sind die Erträge bei Bio unter dem Strich geringer. Was wiederum bedeutet, dass dort je produzierter Einheit eines Lebensmittels mehr Land und andere Ressourcen wie Kraftstoff oder menschliche Arbeitskraft in Anspruch genommen werden. Es kommt eben immer darauf an, von welcher Seite man das Problem betrachtet.

Klar ist: das Zurückdrängen von Tier- und Pflanzenarten durch Ackerbau & Viehzucht ist ein weltweites Problem, das auch Landwirte nicht leugnen sollten. Es erwächst aus der Logik immer effizienterer landwirtschaftlicher Methoden – Dank derer, nebenbei erwähnt, auch immer mehr Menschen vor Hunger bewahrt werden. Dass auf der anderen Seite auch immer mehr Menschen zu viel und zu reichlich essen, ist ebenso wahr. Viele weitere Aspekte wie Lebensmittelverschwendung, Fleischkonsum, Energiebedarf und so fort, könnte man an dieser Stelle diskutieren. Für heute will ich aber nur sagen:

Wer ackert, will ernten. Oder sich einfach eines Waldsteinien-Beets erfreuen.

 

Links:

Studie zu Etragsunterschieden in den USA
Studie zu weltweiten Ertragsunterschieden
Landwirtschaft auf Wikipedia
Vegetationszonen der Erde
Thema „Hunger“ beim Welternährungsprogramm der UNO
FAZ-Artikel zum Thema Übergewicht weltweit