Unser Roggen kaputt – Baby, I love Überschüsse!

Regional ist in. Aber Essen gibt es entweder zu viel oder zu wenig – je nach Wetter. Der Traum von der Selbstversorgung ist nicht zu Ende gedacht.

Am Dienstag lief der Mähdrescher bei uns nur eine Stunde lang. Dann hat es wieder zu regnen begonnen. Stroh und Körner unseres Weizens wurden erneut nass, sodass sie die Erntemaschine verstopfen würde. Außerdem ist Getreide mit mehr als 15 Prozent Wassergehalt nicht mehr lagerfähig und müsste unter hohem Energieaufwand getrocknet werden. Trotzdem ist das noch das geringste Problem, denn aus unserem Weizen wird ohnehin kein Brot mehr werden. Aus unserem Roggen auch nicht.

Was ist passiert? Unser Landhändler hat nach dem Regen der vergangenen Woche fast nur noch Ware bekommen, die (wegen zu niedriger Fallzahlen) nicht mehr zum Backen taugt. Der Teig würde im Ofen nicht recht aufgehen oder gar flach wie eine Flunder bleiben. Grund dafür sind physiologische Prozesse in den Körnern: die waren nämlich schon vor dem Regen reif; die Feuchtigkeit hat sie dann „glauben“ lassen, sie lägen bereits als neue Aussaat im Boden und könnten auskeimen. Deshalb beginnen Enzyme die im Samenkorn eingelagerte Stärke abzubauen um damit den bereits wachsenden Keimling zu ernähren. Das Getreide „wächst aus“. Die Natur hat ja nicht eingeplant, Mehl zum Backen zur Verfügung zu stellen. Auf den Fotos sind die Keimwurzel und der grüne Trieb deutlich zu erkennen!

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Auswuchsschaden

links: Brot aus ausgewachsenem Roggen; rechts: normales Roggenbrot (Foto: Heinz Terholsen)

In ganz Deutschland stehen die Mähdrescher in diesen Tagen immer wieder still. Jeder Regenschauer führt unweigerlich zu Ernteunterbrechungen. Der Präsident des Deutschen Bauernverbandes befürchtet heute im ZDF-Morgenmagazin finanzielle Schäden von bis zu einer Milliarde Euro. In Österreich scheint es heuer dagegen eher die Frühjahrs-Trockenheit zu sein, die die Erträge unter die Norm sinken lässt.

Ein weiteres Problem sind Schimmelpilze, die sich in der aktuellen Schwüle pudelwohl fühlen und die noch am Feld stehenden Ähren befallen; die Qualität des reifen Getreides sinkt mit jedem Tag, an dem die Mähdrescher zum Stillstand verdammt sind. (Schimmelpilzgifte sind für die menschliche Gesundheit übrigens weitaus gefährlicher, als Spuren von Pflanzenschutzmitteln!)

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Ernte 2017: Wolken sorgen für Kopfzerbrechen (Foto: tik)

Zu früheren Zeiten hätten die Menschen in so einem Fall einfach Brot von mieser (Back-) Qualität gegessen. Heute wird das ausgewachsene Getreide stattdessen an das liebe Vieh verfüttert und so doch noch sinnvoll verwertet. Schlecht aufgegangene Brötchen muss aber nur deshalb niemand essen, weil es auf dem Markt trotz Ernteausfällen meist genügend Getreide von ausgezeichneter Qualität gibt. Baden-Württembergs Bäcker sind ja nicht auf Gedeih und Verderb auf Getreide aus Baden-Württemberg angewiesen. Wenn die regionale Ernte zu gering ausfällt, dann kommt es eben aus Hessen, Bayern, Frankreich oder Kanada. Jemand müsste schon übersinnliche Fähigkeiten haben, um die Unterschiede im Brot zu schmecken.

Denkt man die Sache weiter, dann zerplatzt der Traum von der regionalen Selbstversorgung wie eine Seifenblase. Wollte man diesen konsequent verwirklichen, ohne ständig Überschüsse zu produzieren, dann würde das ja folgendes bedeuten:

Die Bauern einer Region müssten in jedem Jahr exakt so viel Getreide, Obst, Gemüse usw. produzieren, wie die Menschen in dieser Region in einem Jahr verbrauchen. Das funktioniert aber nicht, weil Erntemengen extremen Schwankungen unterliegen und kaum planbar sind. Mal gibt es gute Ernten, mal schlechte. Manchmal auch gar keine. Und vieles, was wie wie selbstverständlich auf unseren Tellern liegt, wächst nur in bestimmten Regionen richtig gut.

Natürlich lassen sich Nahrungsmittel auch lagern, um Ausfälle zu puffern. Aber eben nur begrenzt und mit Kosten und Auswirkungen auf die Marktpreise verbunden. Was sollen die Bauern auf einem abgeschotteten, regionalen Markt noch verkaufen, wenn drei Jahresernten im Lager liegen? Wie hoch würden umgekehrt die Preise nach einer Missernte steigen?

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Kaum Äpfel an unserem Apfelbaum (Foto: tik)

Vor unserem Fenster steht ein Apfelbaum. Gewöhnlich hängt dieser im Sommer brechend voll mit heranreifenden Äpfeln, die mein Vater und meine Oma im Herbst zusammenlesen und zum Apfelsaft-Produzenten bringen. Dieses Jahr habe ich bislang gerade mal eine Handvoll dahinschrumpelnde Äpfel auf dem Baum entdeckt. Der April-Frost hat fast alle Blüten gekillt. Nicht weiter tragisch für uns; Apfelsaft werden wir auch weiterhin genug zu trinken bekommen. Was aber wenn die Äpfel fest in unsere Versorgungsstrategie eingeplant gewesen wären? Die familiäre Selbstversorgung würde am Schicksal dieses einen Baumes hängen. Auch die regionale Selbstversorgung der Steiermark oder Baden-Württembergs wären heuer grandios gescheitert, wenn die Bauern gerade so viel anbauen würden, wie gebraucht wird.

In der Geschichte der Menschheit hatte fast jede regionale Wetterkapriole Mangelernährung, Hunger oder Tod zur Folge. In den jeweiligen Nachbarregionen gab es selten genügend Überschüsse, um auszuhelfen. Und selbt wenn: ohne Eisenbahn wäre es schwierig gewesen, große Mengen von A nach B zu schaffen. Vorhandenes Getreide war dann so teuer, dass es sich die Armen nicht leisten konnten. Und früher waren die allermeisten arm! Zeiten, wie das „Jahr ohne Sommer“ 1816, die das Leben von Millionen Menschen erbärmlich werden ließen oder beendeten, sind heute aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden. Zum Glück! Es ist das Verdienst der modernen, Überschüsse produzierenden Landwirtschaft, sowie dem weltweiten Handel mit ihren Erzeugnissen. Je größer das potentielle Einzugsgebiet von Nahrungsmitteln ist, desto unwahrscheinlicher sind spürbare Engpässe; weil sich der Mangel in der einen Region mit dem Überschuss der anderen Region ausgleichen lässt. Nur deswegen ist die Versorgung mit Kalorien, Vitaminen und Nahrungsmitteln hierzulande, ebenso wie in vielen anderen Ländern der Erde so sicher, gesund und preisgünstig wie nie zuvor.

Das heißt natürlich nicht, dass man am System nicht Vieles kritisieren kann. Lebensmittelverschwendung, übermäßiger Fleischkonsum oder die Handelsbeziehungen zu den Ländern Afrikas sind hier nur drei Stichworte, die viele weitere Gedanken und Diskussionen wert sind. Auch spricht nichts gegen die Stärkung regionaler Wirtschaftskreisläufe. Schließlich sparen kurze Wege Energie und bewahren die Frische. Schlussendlich helfen sie auch, die Verbindung der Verbraucher zu „ihren“ Landwirtinnen und Landwirten zu stärken. Auch die Solidarische Landwirtschaft oder das Urban Farming können einen wertvollen Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit leisten.

Im Hinterkopf sollten wir aber stets behalten: Frost, Trockenheit, Überschwemmungen, Hagel, Vulkane, Pilz- und Viruskrankheiten, Läuse und Mäuse stehen allzeit bereit, um uns die Grenzen der regionalen Selbstversorgung aufzuzeigen.

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Sobald es wieder trocken ist, muss jede Stunde genutzt werden, auch nachts und sonntags (Foto: tik)

Links:

Fallzahl (Wikipedia)

Auswuchs (Wikipedia)

Ernteausfälle in Deutschland (agrarheute)

Frostschäden in Baden-Württemberg (SWR)

Frostschäden in der Steiermark (ORF)

Das „Jahr ohne Sommer“ (Wikipedia)

Ernteprognose für Österreich (AMA)

Gefahr durch Schimmelpilzgifte (Die Presse)

Interview mit dem Präsidenten des BfR (Nordwest-Zeitung)

BOKU-Forschungsprojekt gegen Lebensmittelverschwendung (Die Presse)

Entwicklung des weltweiten Hungerproblems (Our World in Data)

Selbstversorgung mit Getreide in Deutschland

Versorgungsbilanzen in Österreich

Solidarische Landwirtschaft (Wikipedia)

Urban Farming (Wikipedia)