Pimp your Boden – Wir säen Zwischenfrucht

Pflanzen anbauen, die nie eine Ernte liefern und nur wachsen um zu sterben? Diese „Bio-Methode“ ist auch in der konventionellen Landwirtschaft verbreitet.

Rotierende Stahlzinken bohren sich wenige Zentimeter tief in unser frisch abgeerntetes Roggenfeld. Erde und Stroh fliegen durch die Luft, als ob fortlaufende Mini-Explosionen die bisherige Ordnung im Untergrund ins Wanken brächten. Kaum ist Ruhe eingekehrt folgt eine Eisenwalze, die den Boden rückverfestigt. Jetzt legen die Säschaare Körner in den Boden; nur zwei, drei Zentimeter tief. Ein Gummirad drückt die Saat zuletzt noch etwas an, während sich der Traktor mit rund neun Kilometer pro Stunde über unser Feld schiebt.

Die Samen schmiegen sich jetzt fest genug an kleinste Bodenteilchen, um ihnen Zugang zum gespeicherten Wasser zu verschaffen. Zugleich ist die Erde locker genug, damit sich die kleinen Würzelchen des in den nächsten Tagen keimenden Korns leicht ausbreiten können. Schon bald wird ein grüner Teppich über das Feld wuchern, der eine Weile später, im Herbst, zu blühen beginnen wird.

Jetzt, Mitte Juli, sind wir eigentlich mit der Getreideernte beschäftigt. Aber in den Druschpausen säen wir verschiedne Zwischenfrucht-Mischungen; unter anderem eine mit dem Namen „Terra Life – Mais Pro TR Greening“. Darin finden sich etwa Samen von Sonnenblumen, Felderbsen, Öllein, einer Hirseart, Perserklee, Schwedenklee und schließlich der, auch Bienenweide genannten,  Phacelia (Sorte „Beehappy“).

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Inhalt „Beehappy“ – Saatgutsack mit Etikett der Anerkennungsstelle NRW; hier eine andere Mischung (Foto: tik)

Nur wenige Tage zuvor stand auf den Feldern noch Roggen. Auf einigen davon sieht unsere Fruchtfolgeplanung für die Saison 2018 den Anbau von Mais vor. Den können wir aber nicht vor Mitte April säen; über Winter würden die Maispflanzen nämlich abfrieren. Das heißt also: unser Feld würde von der Ernte der einen Kultur (Roggen) bis zur Saat der nächsten Kultur (Mais) ganze acht Monate lang ungenutzt und vor allem unbedeckt herumliegen. Dazwischen eine Zwischenfrucht anzubauen, macht aus mehreren Gründen Sinn.

Nährstoff-Speicherung: Die Pflanzen nehmen im Boden vorhandene Nährstoffe auf und speichern sie in organischer Form. Nachdem sie über Winter abgefroren sein werden, lösen Bakterien die Nährstoffe während der Verrottung wieder aus den Pflanzen heraus, sodass sie in der nächsten Saison dem Mais zur Verfügung stehen. Als einer der wichtigsten Nährsalze ist das Nitrat zu nennen, eine wasserlösliche Form des Stickstoffs.

Weniger Erosion: Schon während des Wachstums, aber auch später beim Verrotten, bedecken Sonnenblumen, Lein und Co den Boden. Sie erschweren damit Regen und Wind, feinste Erdteilchen wegzuspülen oder fortzublasen.

Bodenlockerung: Auch unter der Oberfläche spielt sich einiges ab. Die Wurzeln einiger Zwischenfrüchte brechen verdichtete Bodenschichten wirkungsvoller auf, als jede Maschine.

Förderung des Bodenlebens: Die Verrottung wird ausschließlich von lebenden Organismen erledigt. Der Boden besteht aus einem ganzen Kosmos aus unzähligen Kleinlebewesen wie dem Regenwurm, aus Pilzen, Bakterien, usw. Die meisten davon tun nichts lieber, als an unseren Zwischenfrüchten herumzuknabbern.

Nahrung für Insekten: Da wir die Zwischenfrüchte gleich jetzt nach der Ernte im Juli säen, haben sie genug Zeit zu wachsen und noch im Herbst zur Blüte zu kommen. Von ihrem Blütennektar ernähren sich Bienen, Hummeln, Schwebfliegen und viele andere Insekten.

Freude für Spaziergänger: Im Spätsommer oder an einem Goldenen Oktobertag an einem prächtig blühenden Feld mit Zwischenfrüchten vorbeizuwandern, ist eine wahre Freude. Also zumindest für mich.

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Gelbe Sonnenblumen und violette Phacelia – Zwischenfrucht-Mischung in der Blüte (Foto: Deutsche Saatveredelung AG)

Der Anbau von Zwischenfrüchten wird von der europäischen Agrarpolitik im Rahmen des so genannten Greening gefördert. Er ist auch ein Bestandteil von Agrarumweltprogrammen wie FAKT (Baden-Württemberg) oder ÖPUL (Österreich). In unserem Betrieb sind Zwischenfrüchte seit Jahrzehnten Usus. Während unsere Wahl früher vor allem auf den gelb blühenden Senf fiel, versuchen wir inzwischen mit speziellen Saatgut-Mischungen den oben genannten Zielen noch näher zu kommen.

Übrigens: wenn es dauerhaft milde Temperaturen geben sollte, dann könnte es passieren, dass die eigentlich frostempfindlichen Pflanzen über Winter doch nicht absterben. Wir könnten den Acker dann im Frühling unter hohem Energieaufwand pflügen, also 20 bis 30 Zentimeter tief umgraben. Das würde den gesamten Pflanzenbestand vernichten und Platz für den Mais schaffen. Allerdings würden wir damit nicht nur zwischen 20 und 30 Liter Diesel pro Hektar verbrauchen, auch die mit Hilfe der Zwischenfrüchte mühsam aufgebaute Bodenstruktur wäre wieder zunichte gemacht; Pflanzenreste würden von der Bodenoberfläche verschwinden und damit ihre erosionsmindernde Wirkung einbüßen; die Regenwurmpopulation und andere Organismen großen Schaden nehmen.

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Eines unserer Felder mit abfrierender Zwischenfrucht im Dezember 2015 (Foto: tik)

Deshalb spritzen wir in solchen Fällen die Pflanzen mit dem viel diskutierten Herbizid-Wirkstoff Glyphosat, warten ein paar Tage, und lockern die Erde anschließend ganz flach, 5 bis 10 Zentimeter tief, mit einem Grubber oder einer Scheibenegge. Das schont den Boden und seine Bewohner und verbraucht dabei weniger als fünf Liter Diesel pro Hektar (Vergleich Pflügen/Spritzen – Nachfolgearbeiten können bei beiden Varianten anfallen). Aber vor allem: unsere gerade gesäten Zwischenfrüchte entfalten ihre Wirkung dann weit bis ins nächste Jahr hinein.

Links:

Werbevideo für Zwischenfrucht-Mischungen
Greening und andere Bestimmungen der europäischen Agrarpolitik
FAKT – Das Agrarumweltprogramm für Baden-Württemberg
ÖPUL – Das Agrarumweltprogramm für Österreich
Online-Formular zur Berrechnung des Dieselbedarfs untersch. Arbeiten (KTBL)
Kommentar zu Glyphosat (Ludger Weß)
Die böse Chemie (Florian Aigner)
Pro und Kontra der pfluglosen Bodenbearbeitung