Legenden der Landwirtschaft

…informiert über Zusammenhänge und Hintergründe rund um das Thema „Ackerbau & Viehzucht“. Von Timo Küntzle, Journalist und „Diplom-Bauer“.

„Unter den Erwerbsquellen ist keine so edel, so ergiebig, so lieblich und so ehrenvoll für den freien Mann, als die Landwirtschaft.“

Das soll der römische Philosoph Marcus Tullius Cicero einmal gesagt haben. Nun, man könnte einwenden, dass heutzutage auch immer mehr freie Frauen die Geschäfte landwirtschaftlicher Betriebe leiten. Oder, dass es noch ein paar andere ziemlich „edle Erwerbsquellen“ gibt. Man denke etwa an Feuerwehrleute; Menschen, die sich um Kranke oder Geflüchtete kümmern; Braumeister oder Blindenhunde. Was Cicero aber vermutlich zum Ausdruck bringen wollte ist: kein anderer Wirtschaftszweig ist von solch grundlegender Bedeutung für die menschliche Kultur, wie die Landwirtschaft.

Ohne deren Erfindung würden wir Menschen weiter eine Karriere als Jäger und Sammler verfolgen und von dem leben, was uns die Natur von ganz alleine zur Verfügung stellt – oder was uns mit etwas Glück vor die Speere rennt. Bis auf Häuptlinge, Schamanen und Alte müssten alle (aber wirklich alle!) bei der Nahrungsbeschaffung und -verarbeitung mit anpacken. Für Selbstverwirklichung wäre so gut wie keine Zeit. Anwälte, Yoga-Lehrer und Rad-Rennfahrer wären undenkbar. Schon alleine deshalb, weil wir keine Kapazitäten hätten, um Yoga-Matten und Fahrräder zu erfinden. Von Städten, Sinfonie-Orchestern und Mars-Raketen ganz zu schweigen.

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Kraichgau nordöstlich von Karlsruhe – Äcker und Weiden sind die Grundlage aller Kultur (Foto: T. Küntzle)

Kurzum: die Landwirtschaft war Grundlage unserer Sesshaftwerdung und damit von Allem, was danach gekommen ist. Inklusive Kunst und Kultur. Ohne Äcker und Weiden, die Essen von unweit der Hütte liefern, hätte sich die Kunst kaum weiterentwickelt. Hier vielleicht ein bisschen Höhlenmalerei, dort mal eine Knochenflöte schnitzen, das wär’s gewesen. Aber zum Glück haben unsere Vorfahren gelernt, Tiere zu zähmen und Land zu „kultivieren“. Sehr erhellend kann es sein, sich der Bedeutung des Begriffs Kultur bewusst zu werden.

Kultur: Gesamtheit der geistigen, künstlerischen, gestaltenden Leistungen einer Gemeinschaft als Ausdruck menschlicher Höherentwicklung (…) das Kultivieren des Bodens (…) auf größeren Flächen kultivierte junge Pflanzen;

Herkunft: lateinisch cultura = Landbau; Pflege (des Körpers und Geistes); – Quelle: Duden.de

Österreich und Deutschland haben aktuell zusammengerechnet rund 90 Millionen Einwohner, wovon nur noch eine Million in der Landwirtschaft arbeitet. In Österreich sind es immerhin noch 4,8 Prozent der Erwerbstätigen (2015), in Deutschland nur noch 1,4 Prozent (2016). Für beide Länder gilt: nie war dieser Anteil geringer. Damit geht auch die Zahl jener Menschen zurück, die eine echte Bäuerin oder einen echten Bauern kennen. Der direkte Draht zur Landwirtschaft reißt ab.

Gleichzeitig scheint das Thema „Essen“ so wichtig wie nie. Bücher, Talkshows, Kantinengespräche und Alltags-Tratschereien quellen über vor lauter Meinungen zum richtigen Essen. Dabei geht es natürlich auch um die Frage, wie dieses Essen produziert wird und woher es kommen soll. Darüber Bescheid zu wissen, ist das Gute Recht all jener, die das Essen kaufen. Zumal die Arbeit der Bauern auch Auswirkungen auf das Landschaftsbild, die Umwelt und sogar das Weltklima hat.

Viel wird geschrieben und behauptet; Begriffe wie Pestizide, Dünger, Nitrat, Massentierhaltung, Gift, Artensterben, biologisch, konventionell, industriell, natürlich, bäuerlich usw. machen die Runde. Was sie wirklich bedeuten und in welchem Zusammenhang sie stehen, wird dabei nicht immer ausreichend erklärt. Manchmal auch absichtlich weggelassen, um Sachverhalte zu dramatisieren oder ins Gegenteil zu verkehren.

Aber Landwirtschaft ist ein weites Feld – im wahrsten Sinne des Wortes. Dieser Blog ist der Versuch, sie anschaulich zu erklären und Zusammenhänge sachlich zu beleuchten.